dopamin

Für meinen kurzen Spaß

Neulich bin ich in der Stadt unterwegs und dachte, ich gönn mir jetzt mal ein Teigteilchen.

Also bin ich zu Espresso House, hab mir erst mal einen gekühlten Eistee gegönnt – natürlich gezuckert – und mir dann ein feines Teigteilchen, Typ Zimtschnecke, ausgesucht.

Das Teilchen hat seinen Preis

Manchmal darf sowas sein. Berauscht bin ich davon zwar nicht, aber ich muss gestehen, so ein Hefeteig hat einfach was. Während ich also dieses Teilchen genüsslich verzehre, merke ich, wie mir die Zähne wegschmelzen.

Vermutlich heißt der Zahnschmelz genau deshalb so. Der durfte sich sodann an dieser Stärke-Zucker-Ladung, die ihn buchstäblich wegfrisst, ja wegätzt, erfreuen. Typisch westlich eben.

In diesem Moment musste ich an meine Erleuchtung denken, die ich kürzlich hatte. So, wie das mit selektiver Wahrnehmung ist, stolperte ich damals über folgendes Bildchen:

dopamin verzicht
Für das gesunde Leben muss man ein bisschen asketisch werden. 

Konnte Facebook etwa meine Gedanken lesen? Jedenfalls trifft dieses Bild den Nagel auf den Kopf. Nahezu alles, was gesund macht, hat seinen Preis. Und der Preis heißt:

Dopaminverzicht. 

Und nahezu alles, was uns krank macht, schenkt uns eine Dopaminflut. Ist das nicht ein sensationell einfacher Zusammenhang?

Moment mal, Dopamin war doch das „feel good hormone“, der Neurotransmitter, der uns Lust und Lebensfreude macht? Absolut richtig. Der uns aber auch süchtig werden lässt.

Dopamin ist der Schlüssel

Wir Menschen lieben die Dopaminflut. Und bezahlen das oft genug mit Krankheit. Beispiele gefällig?

  • Fast Food & stark verarbeitete Lebensmittel. Folge: Insulinresistenz, Diabetes, Fettleibigkeit, Entzündungen im Körper.
  • Social Media & endloses Scrollen. Folge: Konzentrationsprobleme, Depression, Angststörungen.
  • Pornografie-Konsum. Folge: Dopamin-Desensibilisierung, Erektionsstörungen, soziale Isolation, Beziehungsprobleme.
  • Glücksspiel & Online-Wetten. Folge: Spielsucht, finanzielle Probleme, hohe Stressbelastung, Depression.
  • Drogenkonsum (z. B. Kokain, Amphetamine, Alkohol). Folge: Sucht, Nervenschäden, psychische Erkrankungen, körperliche Abhängigkeit.

Ja mei, was ist denn das Teigteilchen mit – meistens – Kaffee? Dopamin. Täglich. Jeden Nachmittag, ich weiß es doch. Was ist denn das tägliche Bier auf der Couch? Die Chips? Und die Menschen glauben, das bleibe ohne Folgen.

Jetzt wird’s gefährlich. Denn was ist denn, wenn wir depressiv sind und uns mit den Dopaminfluten am Leben halten? Ah, oh! Könnte das vielleicht den Teufelskreis vieler Menschen in unserer Gesellschaft beschreiben?

Hier kommt der Trick, den die meisten einfach nicht verstehen, vielleicht von der inneren Zähigkeit gar nicht hinbekommen:

Du musst die Dopaminkicks meiden!

Dann passiert das Gegenteil von „feel schlecht“. Das Gehirn stellt sich um, wir werden wieder dopaminsensitiv. Plötzlich macht die Blume wieder Spaß und wir mögen sogar Haferflocken mit ätzendem Naturjoghurt. Kurzum: Das Leben hat wieder einen Sinn. Spiel durchgespielt.

Gesundheit kann man sich machen

Zu Zeiten von StudiVZ hatte ich mal ein Zitat im Profil stehen. Das kam von Ironman-Legende Chris McCormack:

Success in the sport is, above all else, about enduring suffering.

Erfolg im Sport bedeute vor allem, „Leiden zu ertragen“. Vielleicht münzt man das Zitat einfach um und schreibt statt „Sport“ einfach „Leben“.

Der hat verstanden: Wer erfolgreich sein will, muss beißen. Muss also in der Lage sein, Phasen, die sich nicht so toll anfühlen, durchzustehen, einfach weiterzugehen. Kein Drama draus zu machen.

Wenn man das zum Lebensprinzip macht, zur eigenen Lebensmaxime, fallen einem die Goldtaler vielleicht auf täglicher Basis zu. Denn unsere Physiologie kennt gar nichts anderes – das Gehirn will Dopamin, der Körper und das Lebensglück gerade nicht. 

Daher: Für das gesunde Leben muss man ein bisschen asketisch werden. You can’t have the cake and eat it too!

Der Text ist von mir, Chris Michalk. Fast zwei Jahrzehnte war ich dem Leistungssport treu und studierte als Folge Biologie und drei Jahre Sport. Leistungsphysiologie war mein Hauptinteresse, das mich vor circa 15 Jahren dazu gebracht hat, Studien zu lesen. In Folge einer Stoffwechselerkrankung gründete ich den Blog edubily und verfasste zusammen mit meinem Kollegen Phil Böhm mehrere Bücher (u. a. "Gesundheit optimieren, Leistungsfähigkeit steigern"). Ich machte meinen Abschluss in zellulärer Biochemie (BSc, 1,0) – und neben meinem hier ausgelebten Interesse für "Angewandte Biochemie", bin ich zusammen mit Phil Böhm Geschäftsführer der edubily GmbH.

6 comments On Für meinen kurzen Spaß

  • Vor kurzem habe ich ein passenden Plakat zum Thema Handysucht gesehen. Überschrift war in etwa: Leben in 0,01 m² (Bildschirm)Fläche…
    Ich teile absolut alle Ansichten und finde auch diesen Artikel einfach einen aufklärenden Beitrag und zugleich eine nette Anekdote, die jeder auch von sich selbst kennt, und zur Mäßigkeit mahnt.
    Tja hier wäre wohl die Politik gefragt: Den Blick in die Vergangenheit wagen, sich ehrlich machen und für deutliche Änderungen stimmen und beide Welten miteinander kombinieren: Echtes Handyverbot an Schulen, altersbezogene Social-Media Einschränkungen, Förderung von Sport usw.. Bis das substanziell passiert, muss sich gesellschaftlich viel „Mainstream“ ändern und bis dahin kann man sich wohl eher um den negativen Trade-Off Ballast kümmern dürfen.
    Insofern ists wohl bis dahin die Eigenverantwortung und zum Dopamin halte ich es mit Strunz: Eine Sucht versuchen durch eine positive Sucht zu ersetzen.

  • Franzbrötchen.is.schon.geil

    Mehr, mehr, immer mehr!
    Im entfesselten Kapitalismus, in dem man Marken an ihren Logos erkennt, aber keine Bäume an ihren Blättern, in dem es keine Ziele, kein Wohin und kein Warum gibt, in dem Werte abgeschafft und verdreht werden, ist es absolut klar, dass Maß und Mitte verloren gehen – im Großen wie im Kleinen.
    Früher hätte man vielleicht gerade jetzt, in der Fastenzeit, ein Ziel, ein Warum und ein Wohin gehabt, um sich den kleinen süßen Momenten im Leben auch mal zu entsagen.

    „Keine Gesellschaft wußte je so viel;
    keine war je so antiintellektuell.
    Keine Gesellschaft war je so wohlhabend; keine war je so besessen vom Reichtum.
    Keine Gesellschaft war je so differenziert; keine war je so eindimensional.
    Keine Gesellschaft glaube je so sehr an die Politik;
    keine verachtete die Politiker so gründlich.
    Keine Gesellschaft war je so zahlreich; keine schätzte das Individuum höher.
    Keine Gesellschaft war zivilisierter; keine war vulgärer.
    Keine Gesellschaft war satter; keine war gieriger.
    Keine Gesellschaft lebte sicherer; keine war ängstlicher.
    Keine Gesellschaft war pazifistischer; keine war besser gerüstet.“
    -Rolf Peter Sieferle

    Aber genug Dramatik für heute :)

  • Ein klasse Artikel „Aus dem Leben“ mit einer guten anekdotischen Prise.
    Das gute alte StudiVZ … tja da war sie noch irgendwie heil(er) und halbwegs in Ordnung, die gute Social Media Welt .

    Man musste sich noch mühsam an einem echten PC anmelden um zu schauen, wer einen „gegruschelt“ hat, um Nachrichten anderer Studis nach der Party zu lesen oder einfach nach witzigen Gruppen zu fahnden.

    Alles sehr viel „entschleunigter“ und auch im Vergleich zum heutigen „Infinite Scrolling“ auf dem Smartphone wesentlich Dopamin-sparender.

    Ich denke, dass was wir heute oft als „hart“ empfinden wie anstrengende Einheiten oder auch kaltes Duschen (oder den langweiligen Naturjoghurt) ist eigentlich das „Normale“ für den Körper.

    Aber in einer Gesellschaft, wo gefühlt nichts mehr ausgehalten werden kann, einige den Staat als „Nanny“ verstehen und gluckenhaft alles und jeden regulieren möchten und man dem Handwerker nicht mal zumutet, selber und im eigenen Interesse für die Funktionsfähigkeit der Leiter zu Sorge zu tragen, sondern das einmal jährlich mit einem penibel auszufüllenden Prüfdokument einfordert, nun ja.

    Andererseits – wenn wir erleben wie sehr wir all diesen Dopamin-Kicks in immer kürzerer Frequenz „ausgeliefert“ sind, stellt sich schon mitunter die Frage, ob der Average Joe oder Muster Max sich selber da reflektieren und regulieren kann.
    Grüße

    • Hey Doc,
      ja, ich denke, „ältere“ Generationen wie wir, die noch „die gute alte Zeit“ miterlebt haben, wissen um ein ganz anderes Leben, das es da gab und für jeden von uns eigentlich noch gibt. Die allgemeinen, normal gewordenen Dopaminfluten erzeugen aber in uns eine Art unüberbrückbare Mauer. Wir sind im Grunde alle süchtig und unser Gehirn und unsere Physiologie längst „umgewöhnt“. Wir halten uns selbst gefangen in unseren Dopamin-Spikes, weil wir Zufriedenheit, Glück, Wohlgefühl gar nicht mehr wahrnehmen *können*. Wie ein Muskel, der jahrelang gemästet wird und in seinem Wohlstandsprogramm vor sich hinsiecht und gar nicht mehr normal funktionieren kann, manipulieren wir auf täglicher Basis unser Gehirn. Mit der Folge, dass wir den Zugang zum normalen, echten Leben verlieren. Es ist eigentlich traurig, wie verkommen wir als Menschen inzwischen sind – und es nicht mal merken, weil es zur neuen Normalität wurde.
      LG

  • „…. to bring them all destruction suffering and pain, we are the hammer of the gods, we are Brot, Bier and Tik Tok … “ -Manowar, WarriorsrofTheWorld

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