leberwurst nutri score

Technokratie verstehen

Ich weiß, dass sich einige Menschen schwer tun, zu verstehen, was moderne Technokratie ist. Bei uns im Blog diskutiere ich das freilich höchstens mit Blick auf Ernährung, Gesundheit und so weiter.

Ganz allgemein lautet die Definition:

Unter Technokratie wird heute eine Form der Regierung oder Verwaltung verstanden, in der alle Entscheidungen auf vermeintlich sozial neutralem wissenschaftlichem und technischem Wissen aufbauen.

Bei uns heute implizit als gesellschaftliches Leitbild stilisiert.

Keine Leberwurst mehr für Technokraten

Und da ist mir die Tage ein wunderbares Beispiel, ja, in die Hände „geglitten“. ;-)

Denn ich wollte mir, wie seit Kindheitstagen, Leberwurst kaufen. Ich probiere mich da immer fröhlich durch, je nach Einkaufsmöglichkeit. Dieses Mal war es diese hier:

leberwurst

Unscheinbar, nicht wahr? Grüne Verpackung, Haltungsform 4, schön bio, öko, gepaart mit einer Prise Greenwash („Dieses Produkt trägt zum Schutz natürlicher Ressourcen bei“). Ein Träumchen.

Spaß beiseite. Never judge a book by it’s cover, muss net schmecke, muss wirke. Doch dann, was mussten meine schockierten Äuglein sehen??

Nutri-Score E

schockiert

Also Note 6. Die Crème de la Crème von hinten. Das, was niemand sein will, der Letzte, der beim Fußballturnier ausgewählt wird.

Natürlich ist das ein relativ stark verarbeitetes Tierprodukt, das aufgrund des höheren Anteils gesättigter Fette, der folglich höheren Energiedichte und der großzügigen Prise Salz von Haus aus als ganz böse bewertet wird.

Ich persönlich esse davon 10-20 g, nicht die ganze Tube (kleine Kinder machen das…). Mit dem Wissen, dass das aktuell meine beste und einzige Vitamin-A-Quelle ist. Diese kleine Menge kann im Regelfall nahezu meinen ganzen Vitamin-A-Bedarf decken.

So, wie von mindestens meiner ganzen Generation (90er-Jahre), die mit dem Leberwurstbrot in der Hand groß wurde. Jede Mutter, jede Oma wusste damals Bescheid.

Vitamin A ist nämlich:

  • Normale Reproduktions- und damit Wachstumsachse (Entwicklung! Pubertät!)
  • Normales Immunsystem (Antikörper! Immuntoleranz!)
  • Ordentlich differenzierte Zellen (Krebsabwehr! Schöne Haut!)
  • Ein gesunder Eisenstoffwechsel (Fitte Muskeln! Fittes Gehirn!)
  • Ein normaler Energiestoffwechsel (Fettverbrennung!)
  • Gesunde Schleimhäute
  • Ganz neu: Optimierte Blutgerinnung

Und sicher vieles mehr (bitte im Blog nachlesen). Logisch, aus Vitamin A wird im Körper ein Hormon. Hormone sind bekanntermaßen nicht ganz unwichtig, wie im Übrigen folgende berühmte und von mir des Öfteren zitierte Studie zeigen konnte:

Eine subnormale Vitamin-A-Zufuhr ist einer der ätiologischen Faktoren für eine verzögerte Pubertätsreifung. Die Verabreichung von Vitamin A und Eisen an normale, konstitutionell verzögerte Kinder mit subnormaler Vitamin-A-Zufuhr ist bei der Induktion von Wachstum und Pubertät ebenso wirksam wie eine Hormontherapie.

Evidenzbasierte Ratschläge

Technokratie ist also in gewisser Maßen die Perversion der Wissenschaft und gewiss eine Form der Autokratie. Nicht nur, dass man die – immer limitierte – Wissenschaft auspresst, um eine Lebenswirklichkeit zu gestalten. Auch übermitteltes Wissen, Kultur, bewährte Traditionen fallen ganz automatisch durchs Raster.

David Sackett, der Begründer der evidenzbasierten Medizin (EBM), wusste das. Deshalb war EBM ursprünglich auch kein Missbrauch der Wissenschaft, wie so oft heute. Sackett hat immer den Behandler ins Zentrum gestellt, nicht die Wissenschaft.

Die EBM integriert die beste verfügbare wissenschaftliche Evidenz mit der klinischen Expertise des Behandlers und den Präferenzen und Werten des Patienten.

Der Behandler sollte auf Basis seines Erfahrungs- und Wissensschatzes jedes Puzzleteil aus der Wissenschaft nutzen, um den Patienten zu helfen. Es ist also völlig egal, ob das ein RCT (Goldstandard-Humanstudie), ein Umbrella Review (höchster Evidenzgrad), eine Meta-Analyse (Auswertung vieler Studien) oder eine Tier- bzw. Zellstudie ist.

Der wusste damals schon, dass (die medizinische) Wissenschaft immer limitiert ist. Legt man diese aktuellen Erkenntnisse, die im Moment natürlich als „State of the Art“ gelten, einfach 1:1 um …

limitiert man die Lebenswirklichkeit der Menschen.

Und damit – ganz konkret am Beispiel der Medizin – den Behandlungserfolg. Wir wissen das instinktiv, deshalb fühlen sich viele Menschen in der modernen Medizin, freilich auch in der modernen Ernährungswissenschaft, nicht mehr aufgehoben.

Back to the roots

Doch zurück zum Thema: Leberwurst ist für mich der einfachste, gangbarste und manchmal köstlichste Weg, meinen Vitamin-A-Haushalt top notch zu halten. Daher empfehle ich das auch immer gerne weiter, vor allem bei einer Aversion gegenüber „ganzer Leber“.

Und genau deshalb kann ich persönlich nur müde über einen „Nutri-Score“ lächeln. Nicht, weil es nix bringt (tut er in Teilen!). Sondern weil er ein gutes Beispiel dafür ist, wie Wissenschaft zu Technokratie wird und dann … verschlimmbessert.

Denn natürlich muss man so einen Nutri-Score nur lange genug mit einer möglichst schlechten Bewertung anbringen und das Produkt gerät mehr und mehr in Verruf, bis es dann irgendwann auf eigentlich ungesicherter Basis als „gesichert schädlich“ gilt. Diesen Mechanismus lernen wir ja heute wieder stärker kennen, der war auch schon ein gewichtiges Werkzeug vor 80 Jahren.

Mehr und mehr tun mir junge Menschen heutzutage leid. Wir Alten machen die Welt kaputt. Aber anders als sie glauben.

PS: Wissenschaft funktioniert über die meisten Felder nur gepaar mit denjenigen, die sie interpretieren und weitergeben müssen. Siehe EBM. Im besten Fall hat man also einen Experten, der Wissenschaft gut an den Mann bringt. Daraus ergibt sich aber auch ein Umkehrschluss. Denk mal drüber nach.

Der Text ist von mir, Chris Michalk. Fast zwei Jahrzehnte war ich dem Leistungssport treu und studierte als Folge Biologie und drei Jahre Sport. Leistungsphysiologie war mein Hauptinteresse, das mich vor circa 15 Jahren dazu gebracht hat, Studien zu lesen. In Folge einer Stoffwechselerkrankung gründete ich den Blog edubily und verfasste zusammen mit meinem Kollegen Phil Böhm mehrere Bücher (u. a. "Gesundheit optimieren, Leistungsfähigkeit steigern"). Ich machte meinen Abschluss in zellulärer Biochemie (BSc, 1,0) – und neben meinem hier ausgelebten Interesse für "Angewandte Biochemie", bin ich zusammen mit Phil Böhm Geschäftsführer der edubily GmbH.

4 comments On Technokratie verstehen

  • Hab beim örtlichen Fleischer/Metzger noch nie einen Nutri-Score an der Lebberwurscht gesehen. ;-)

  • Gibt auch sehr gute Variationen in der Tierfutter Ecke.

  • Ernährung ist einfach viel zu komplex um sie mit einem „Ampelsytem“ runterbrechen zu können. Differenzierung is King und hierbei schlicht unmöglich. Da erhält ein kellogs Produkt „A“ und fermentierte Gürkchen mit Pech ein „C“ Erzfeind Salz, fast noch schlimmer als Zucker, oder Insulin :)

    Ich finde den Gedanken ja löblich, aber eigentlich unfassbar peinlich den Menschen mit einem Buchstaben beibringen zu wollen welches Nahrungsmittel denn nun okay ist und welches nicht so. Idiocrazy hat Einzug erhalten. Ich stehe am Rand und fühle mich auch ein Stück füllig losgelöst von der Erde, bald gießen wir mit Cola und Fanta, trinken die Fußballer ja auch ;)

    • hätteschönseinkönnen

      Yep.
      Vor allem sind Menschen ja auch nicht unterschiedlich, darum hilft die selbe Medizin auch bei den selben Menschen (pun intended).
      Kultur hin oder her, wir wundern uns doch, wenn irgendwo auf der Welt Leute glaubens- oder ideologiebasierte Staaten oder, wie in unserem Fall, forcierte Verordnungssysteme etablieren.
      Nicht nur Amerikaner nennen das dann „common science“. Ein auf kurze Formeln heruntergebrochener Stand, ab dem nach Expertenmeinung „gesichertes“ einfachstes Wissen nicht mehr hinterfragt zu werden hat. Offen gesagt wird, dass zu viele Fakten die Leute nur durcheinander bringen.
      „Common science“ ist so freilich gar keine Wissenschaft.

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