Wer vor zehn Jahren Süßstoff mit Aroma in sein Wasser gekippt hätte, wäre für völlig bekloppt erklärt worden. In der Gesundheitsszene wäre man als Scharlatan beschimpft worden.
Sowas kann unmöglich gesund sein – hätten vermutlich die meisten bestätigt.
Kleine Ausnahme freilich (wie so oft):
Es sei denn, man nimmt damit 20 kg ab.
Dann sieht’s netto wieder ziemlich vernünftig aus. Denn natürlich sorgt der Fettverlust für viele kardiometabolische Vorteile mit großer Effektstärke.
Die Frage ist: Darf man so denken?
Ich persönlich bin inzwischen der tiefen Überzeugung: nein. Trinken sollte man ausschließlich Wasser. Ein Gläschen Wein (oder zwei…) in Portofino – ok.
Aber wenn ich eine Sache in 20 Jahren Ernährungswissenschaft – gelebt an mir – gelernt habe, dann ist es die Erkenntnis, dass der Mensch maximal puristisch leben sollte. Vorbild: Naturvölker.
Jeder Zentimeter, der davon abweicht, hat seinen Preis. Früher oder später. Und wenn es nur der einfachen Erkenntnis dient, dass ich eben nicht zu denjenigen gehöre, die sich ihre Ernährung schön saufen müssen, um sie zu leben. (Dahinter steckt ein ganzes Lebenskonzept!)
Wohlgemerkt: Allein für die Tatsache, dass wir modern leben, zahlen wir einen Preis. Das versteht man natürlich nicht, wenn man sich nicht damit befasst. Vor Umweltgiften können wir nicht mehr davonlaufen. Stichwort: Zivilisationserkrankungen und Co.
Beim Thema Sucralose und dergleichen gilt, dass sie definitiv nicht stoffwechselneutral sind – das legen mehrere RCTs nahe (Q, Q, Q, Q).
Funktion vs. Prozessierung
Doch genug der Plauderei. Niemand ist perfekt, ich sowieso nicht. Also ertappe ich mich neulich im Supermarkt, wie mein Gehirn parallel zu analysieren versucht, ob das Lebensmittel nun der Funktion dient oder ob es minimalprozessiert ist.
Oh! Das kennst du bestimmt auch. Beispiele:
- Eier sind gar nicht prozessiert. Aber wehe man isst mehr als eins pro Tag.
- Süßkartoffeln … gar nicht prozessiert. Knallt aber vielleicht das Insulin hoch.
- Rind … gar nicht prozessiert. Macht angeblich Darmkrebs.
Umgekehrt:
- Glutenfreies Brot. Kein Gluten, aber 12 Zutaten. Noch gesund?
- Veganes Steak. Kein böses Fleisch, aber ein reines Industrie-Produkt. Noch gesund?
- Proteindrinks aus dem Kühlregal. High Protein, aber Zusatzstoffe und Billigmilch. Noch gesund?
26.000 Stoffe in unserem Essen
Ist das nicht spannend? Da klafft offenbar eine Lücke zwischen dem, was wir uns als Effekt im Körper erhoffen, und dem, was man von Dingen bekommt, die man sinngemäß vom Baum pflücken kann.
Viele Menschen würden aus Gesundheitsgründen heutzutage keine Banane mehr essen, aber gesüßtes Wasser trinken.
Was ist die Lösung für das Dilemma? Eine perfekte Lösung gibt es dieses Mal leider nicht. Die Forschung weist uns aber einen Weg. Der lautet: Im Zweifel für das minimalprozessierte Essen.
Viele Studien zeigen heute, dass hochprozessiertes Essen, auch wenn es gut gemeint ist, eher schadet (z. B. Q). Das liegt nicht zuletzt daran, dass unser Essen rund 26.000 Stoffe liefert, also eine ganze Lebensmittelmatrix, die Wissenschaftler „ernährungsphysiologische Dunkle Materie“ nennen (Barabási-Studie).
Und die hat Effekte, die wir einfach noch nicht verstehen.
Man kann die Natur nicht einfach kopieren
Der renommierte Ernährungsforscher Kevin Hall, dessen berühmte Studie aus 2019 ich schon mehrfach referenziert habe, konnte das eindrücklich beweisen: Exakt gematcht auf Kalorien, Zucker, Fett, Natrium, Ballaststoffe, Makros, aßen Probanden unter der hochprozessierten Kost 500 Kalorien am Tag mehr.
Einfach so. Trotz ganz gleichen Funktionszahlen.
Doch ganz so einfach ist es nicht, denn das Ganze hat einen Haken:
- Wer kein Gluten verträgt, aber Energie braucht, kommt am glutenfreien Brot nicht herum.
- Wer zu Eisenüberladung neigt, für den ist rotes Fleisch einfach nix.
- Und wer unbedingt mehr Protein in der Nahrung braucht, um nicht 1 kg Fleisch verdrücken zu müssen, ist quasi gezwungen, zu vielleicht minderwertigen Proteinquellen zu greifen.
Das Kredo müsste folglich lauten: Je minimalprozessierter, umso besser. Das Feintuning dann beim „Funktionstest“.
Supermarktangebote spiegeln Ist-Zustände
Wenn ich jedoch die Supermarktregale der Abnehmwilligen sehe, wird mir schlecht. Und ich bin ein bisschen traurig. Weil hier etwas entgleist ist. Weil man nicht mehr fair spielt. Weil geglaubt wird, man könne sich Gesundheit (über Gewichtsverlust) „ersnacken“.
Sich Gesundheit zu machen ist viel anstrengender, als man denkt. Entweder man bringt das richtige Mindset mit und akzeptiert, dass man leben muss wie ein Mensch seit Tausenden von Jahren – möglicherweise puristischer, als man es wahrhaben möchte (Wasser!!!!).
Oder man löst Teile seiner Probleme (z. B. durch Fettverlust), indem man sich längerfristig neue Probleme macht bzw. die alten gesundheitlichen Probleme damit nie loswird – Supermarktregale mit „Fitnessfood“ lassen grüßen.
Wohlgemerkt: Ich bin kein Asket, nicht perfekt. Aber ehrlich zu mir selbst. Immerhin.
1 comments On Neues Zeitalter, neue Probleme
“ Wohlgemerkt: Allein für die Tatsache, dass wir modern leben, zahlen wir einen Preis.“
“ Jeder Zentimeter, der davon abweicht, hat seinen Preis. “
– Großartigst² !
Eine nicht unmittelbar bemerkbare Konsequenz bedeutet nicht, dass es keinen langfristigen Einfluss hat. Dahinter sind spannende Mechanismen von Bewusstsein und der Fähigkeit langfristige Perspektiven zu pflegen. Gehirnwäsche und Propaganda zielen genau da hin wo wir unseren Hausverstand haben. / hatten
Die Frage nach dem Preis – nicht nur bei ernährungstechnischen Fragen sind in allen Lebensbereichen zu erkennen. Warum fragen das gefühlt immer weniger? (Freiheit, Selbständigkeit, Arbeitsleben, Mannsein, Frausein, Familie, usw..)
Ein großer Punkt ist wohl der Klassiker und das Ur-Gefühl: Angst.