Narzisstische Deutsche

Egozentrisches Deutschland

Ich mag Deutschland.

Ich bin hier aufgewachsen und habe hier meine Wurzeln.

Gut, Papa-Seite Region Posen; heute Großpolen…

Und ich gehöre nicht zu denjenigen, die weg wollen.

Gleichwohl fallen mir nicht erst seit gestern Tendenzen in der Gesellschaft auf, die ich … komisch finde.

Entweder so oder so – nicht beides

Das lässt sich am Beispiel unserer gesellschaftlichen Moralvorstellung ganz gut skizzieren.

Wir verstehen uns zurecht als Gemeinschaft, die Diskriminierung und Diffamierung ablehnt. Kleine Ausnahme: Es sei denn, wir sehen sie als gerechtfertigt an.

Verstanden?

Entweder man steht kategorisch gegen Diskriminierung und Diffamierung – oder nicht. Dazwischen gibt es keinen Raum, auch dann nicht, wenn der Grund vermeinlich begründbar ist.

Begründen lässt sich im Zweifel nämlich alles. Die Corona-Ungeimpften werden sich erinnern.

Tolerant zu sein, hat seinen Preis. Und der Preis ist, auch das zu ertragen, was mir warum auch immer nicht gefällt – ich darf das aussprechen, aber ich muss nicht mantraartig ganze Gruppen dafür fertig machen.

Warum oft so extrem?

Das Besondere an uns Deutschen ist, dass wir das oft gar nicht merken. Wir übergehen andere und stülpen ihnen unser Weltbild über ohne es zu merken. Daher der Titel dieses Beitrags.

Das ist ein ganz spannendes Phänomen. Denn heute machen die meisten Deutschen, vor allem in der Öffentlichkeit, grundsätzlich Dinge, die gut gemeint sind. Das ist ja ehrenwert. ;-)

Das machen wir aber mit so einer Vehemenz, dass man als Betrachter zum Schluss kommen kann, dass wir ziemlich egozentrisch – vielleicht narzisstisch – unterwegs sind.

Ein ganz amüsantes Beispiel dafür lieferte vor wenigen Jahren Bundesumweltministerin Lemke im berühmt gewordenen „Elefanten-Streit“. Die kam gar nicht auf die Idee, dass sie die afrikanischen Staaten vielleicht einfach … bevormundet.

lemke elefanten streit

Diese Idee existierte in ihrem Denken gar nicht. Im Gegenteil: Die hat es ja gut gemeint.

Deutschland besonders narzisstisch

Ich schreibe die Zeilen, weil Anfang des Jahres eine ganz spannende Studie erschienen ist.

narzissmus studie deutschland

Untersucht wurden 45.800 Menschen aus 53 Ländern. Ziel war es, herauszufinden, ob die bekannten Muster des Narzissmus weltweit gelten – oder nur für westliche Gesellschaften.

Dabei ging es im Kern vor allem um Faktor Rivialität und Faktor Bewunderung.

Rivalität: Ich muss dich abwerten, um meine Ziele zu erreichen.
Bewunderung: Ich inszeniere mich und strebe nach Besonderheit und Aufmerksamkeit.

Wir Deutschen landen spannenderweise auf Platz 1 bei Rivalität, die sich gerade über die Abwertung anderer definiert. Auch bei Bewunderung sind wir mit mit Platz 6 ganz vorne dabei.

Das Gesamtergebnis ist die Bestplatzierung im Weltranking, und zwar mit Abstand. Man könnte folgern: Auf Basis dieser Daten sind wir eine ziemlich narzisstische Gesellschaft.

Gemach, gemach

narzissmus weltmeister deutschland

Fairerweise muss man ergänzen, dass die Stichprobe gemessen an der Bevölkerungszahl klein ist. Und es war ein standardisierter Selbstbericht auf Basis des Narcissistic Admiration and Rivalry Questionnaire (NARQ-S).

Auf der anderen Seite waren die Deutschen in der Stichprobe relativ alt. Und Narzissmus nimmt mit dem Alter tendenziell ab – nicht zu. Wir könnten also noch narzisstischer sein, als es die Studie gemessen hat.

Weitere Schlüsse der Arbeit:

  • Männer und Frauen wollen ungefähr gleich stark bewundert werden.
  • Wer sich gesellschaftlich führend sieht, will eher bewundert werden (und nicht andere damit fertig machen).
  • Das Bewunderungsstreben ist in kollektivistischen Kulturen ausgeprägter.
  • Die Grundmuster ähneln sich über die Länder und sind nicht nur im Westen zu finden.

→ Narzisstische Muster halten sich über die Kulturen hinweg relativ stabil. Die Merkmale findet man im Westen also nicht exklusiv.

Nicht der Weisheit letzter Schluss

Ich finde das spannend. Nicht unbedingt, weil ich glaube, dass meine Beobachtung und die Studienergebnisse sich 1:1 decken. So weit würde ich nicht gehen.

Ich finde aber spannend, dass man ein Gefühl für eine Tendenz in einer Gesellschaft hat und wissenschaftliche Daten hieran vorsichtig anknüpfen.

Die Vehemenz, mit der wir Dinge als deutsche Gesellschaft durchsetzen – egal ob sie schädlich sind oder gut gemeint, oder beides – fasziniert mich jedenfalls.

Nicht uneingeschränkt positiv, um es nett auszudrücken.

Der Text ist von mir, Chris Michalk. Fast zwei Jahrzehnte war ich dem Leistungssport treu und studierte als Folge Biologie und drei Jahre Sport. Leistungsphysiologie war mein Hauptinteresse, das mich vor circa 15 Jahren dazu gebracht hat, Studien zu lesen. In Folge einer Stoffwechselerkrankung gründete ich den Blog edubily und verfasste zusammen mit meinem Kollegen Phil Böhm mehrere Bücher (u. a. "Gesundheit optimieren, Leistungsfähigkeit steigern"). Ich machte meinen Abschluss in zellulärer Biochemie (BSc, 1,0) – und neben meinem hier ausgelebten Interesse für "Angewandte Biochemie", bin ich zusammen mit Phil Böhm Geschäftsführer der edubily GmbH.

12 comments On Egozentrisches Deutschland

  • Off topic ist es vermutlich nur oberflächlich. Lt. KI haben 35 % aller Erwachsenen in D. erhebliche Schlafprobleme und mehr als 27% der Erwachsenen in D. erfüllt die Kriterien einer psychischen Krankheit. Über 8 Millionen Suchtkranke lt. KI. Der Begriff „kranke“ Gesellschaft ist also ziemlich naheliegend.. Der fehlende Schlaf, die psychischen Krankheiten oder der bei vielen hohe Cortisolspiegel hat natürlich biochemische Auswirkungen. Hohe Cortisolspiegel verursachen vermutlich (bin kein Biochemieexperte) einen hohen Verbrauch von Mineralien wie Magnesium und Co. , die permanent im Mangel sind und körperliche Auswirkungen haben. Man kann Blutwerte bestimmen und Mängel auffüllen, aber bekämpft die Ursachen nicht. Wie oft habe ich in diversen Foren (Strunz, etc.) die Fragen gelesen, was man gegen Schlaflosigkeit einnehmen kann. Es gibt dann ein paar Experten, die bestimmte Nems aufzählen. Wenn es nur so einfach wäre-ein paar „gesunde“ Nems und schon hat die liebe Seele Ruhe. Das Normale ist wohl, dass der Körper irgendwann müde wird und man dann auch schlafen kann. Wenn das nicht so ist, liegt es nicht (nur) an einem Mangel an Nems, sondern an grundsätzlichen Problemen. Wie geschrieben kann man (biochemisch) Mängel erkennen, auffüllen , aber das Problem nicht lösen. Es gibt natürlich auch andere Sichtweisen, die Schlafprobleme, etc. als Mangel an bestimmten Nems betrachten und die Lösung des Problems durch Auffüllen von Mängeln sehen. Cortisol kann man m.E. nicht durch nems vermindern, sondern nur durch andere Denk-/Lebensweisen.

  • Vielen Dank für alle Beiträge, sie haben meine Fühstückslektüre sehr bereichert! @ alle, die es off topic fanden… es ist gut auch mal überraschend etwas außerhalb seiner Blase zu lesen!

  • Lieber Chris,
    Danke, für deine erfrischenden Kommentare zwischendurch.
    Dein Text trifft einen wichtigen Nerv. Heute schon fast ein Akt des Widerstands.
    Deutschland versteht sich als „Gesellschaft“. Sie versteht sich als Gesellschaft, die Diskriminierung ablehnt, außer, sie hält sie für gerechtfertigt. Die Diffamierung der Ungeimpften während der Corona-Pandemie war ein Lehrbeispiel dafür.
    du hast recht: Entweder man steht kategorisch gegen Diskriminierung, oder nicht.
    Die Narzissmus-Studie ist ist schon der Hammer. Sie erklärt, warum bestimmte Gruppen so aggressiv attackiert werden: Es dient der eigenen moralischen Selbstüberhöhung.
    Aber hier bleibst Du harmlos. Warum ist Deutschland so geworden? Welche Eliten, Medien, Institutionen haben das befördert? Welche ideologischen Strukturen (die Kulturrevolution von 1968, die Frankfurter Schule, die Political Correctness) haben diesen Narzissmus systematisch gezüchtet? Du bleibst bei der psychologischen Diagnose stehen, aber das Problem ist tiefer.
    Deutschland und eigentlich alle westlichen Länder sind dysfunktionale Systeme. Gesellschaften ohne echter Bindung kennen die Bedeutung echter Gemeinschaft nicht mehr, sie sind liberal, unsolidarisch, individualistisch, narzisstisch.
    Der Elefanten-Streit dass sie afrikanische Staaten bevormundet habe, ohne es zu merken. Das ist ein Symptom, nicht die Krankheit. Die Krankheit ist ein System, das Menschen als Werkzeuge nutzt, um alle zu wurzellosen Konsumenten zu machen. Der Einzelne ist nicht das Problem. Das Problem ist ein System, das ihn instrumentalisiert.
    Meiner Meinung nach fehlt die transzendente Dimension. Der Mensch, der sich selbst zum Maßstab aller Dinge macht, vergisst etwas Größeres. Die Auflösung traditioneller Bindungen ist nicht zufällig, nein, sie ist Teil eines Projekts, das den Menschen von seinen Wurzeln trennt und ihn zum autonomen Individuum macht.
    Hoffnung: Dass eine Gesellschaft wieder zu moralischer Konsistenz finden kann, dass Hochmut durch Demut, Solidarität und Gemeinwohlorientierung überwunden werden kann, dass Familie und Gemeinschaft dabei eine Rolle spielen können.
    Das Problem ist nicht nur narzisstisch, es ist systemisch, spirituell, existenziell. Und die Lösung liegt nicht nur in psychologischer Selbstreflexion, sondern in der Rückkehr zu etwas Größerem und zu den Ordnungen, die uns tragen.
    In diesem Sinne: Weiterdenken.

    • Hi,
      danke für den Input. Und du hast recht: Ich bin bewusst nicht auf die Gründe eingestiegen, weil ich dazu keine klare Meinung oder Ansicht habe. Ich würde jedoch etwas simpler als du ansetzen und die Gründe vorranging in unserer kulturellen Geschichte sehen (gepaart auch mit Genetik). Ich möchte zudem ergänzen, dass die Studie klar gezeigt hat, dass auch kollektivistische Nationen, die sich also sehr stark über Gruppenzugehörigkeit usw. definieren, hohe Narzissmus-Scores erzielen konnten in der Studie (vorrangig über starkes Bewunderungsstreben).
      LG

  • Nichts für ungut, aber ich krieg das irgendwie nicht mit „Biochemie für dein genetisches Maximum“ zusammen.

    • Darüber könnte man sicher eine eigene Abhandlung schreiben. Was also das gesellschaftliche Verhalten mit Biochemie zu tun hat. Findet sich ja auch im Blog. Ganz aktuell erschien ein Science-Artikel zum Thema „Your personality may be more genetic than scientists realized“.

      Ansonsten der entscheidende Hinweis: Links oben im Blog steht „Kommentar“. Der ist wie folgt definiert: Ein Kommentar ist ein meinungsbetonter journalistischer Beitrag, in dem der Autor eine persönliche Haltung zu einem aktuellen Thema vertritt und den Leser davon überzeugen möchte

      LG

  • Deutschland ist auf jeden Fall ein Jammerland. Nörgeln, jammern, klagen und weit verbreitete Resignation sind für mich typisch deutsch. In den Medien – überwiegend öffentlich , rechtlich – wird das Negative zelebriert. Beispielsweise wird der Klimawandel in jeder Stunde gebetsmühlenartig wie Gehirnwäsche wiederholt. Vermutlich gibt es viele Menschen, die mittlerweile Sonne mit Dürre, Trockenheit, Waldbrennen, etc. assoziieren statt sich über die Sonne und die damit verbundenen positiven Effekte zu freuen. Nein, ich möchte den Klimawandel nicht leugnen. In Holland und Italien begegnen mir beim Sport überwiegend freundlich lächelnde Leute, während ich hier beim Laufen an den Talsperren in überwiegend griesgrämige Gesichter schaue. Woher kommt die Sorge/Angst der Leute ? Gibt es hier Kriege ? Müssen hier Leute hungern ? Im Moralisieren sind wir auch große Klasse. Das Stadtbild ist tatsächlich nicht mehr so wie es sein sollte. Man darf es sehen, aber nicht aussprechen.
    Wir haben bestimmt eine hohe Zahl von Leuten, die eine Persönlichkeitsstörung haben. Narzissmus und Co. sind hier weit verbreitet., auch gerne bei den Führungskräften von größeren Unternehmen, Chefärzten , etc. Diese ganze Kinderpornografie scheint auch in D. sehr ausgeprägt zu sein. Welche Werte sind den Deutschen früher wichtig gewesen ? Geld , eigenes Haus, großes Auto. Natürlich durfte der Nachbar oder ein bekannter nicht erfolgreicher sein. Neid, Eifersucht sind auch weit verbreitet. Recht haben ist auch eine Eigenschaft , die einem oft begegnet. Die ganzen Dinge erlebt man ja ständig im Alltag. Regional gibt es große Unterschiede. In der Region Köln/Düsseldorf freuen sie sich noch, wenn die Sonne scheint. Im Westerwald sieht das schon anders aus. Schwaben haben ja eine besondere Affinität zu Geld. Es gibt eine witzige Zeichnung. Da steht eine Ente mit verschränkten Armen und ernsten Blick “ fast gelächelt. Man muss echt aufpassen“. Es ist echt viel schief gelaufen in D. Dankbarkeit und Demut wäre mal ein Anfang. Es sind vermutlich die Werte, die uns prägen. Wenn man nur durch Leistung Anerkennung der Eltern bekommt , strengt man sich an die Leistung zu bringen. Wenn Eltern fragen was hat denn der Uwe für eine Note oder wie schnell ist Dieter denn gelaufen, erzeugt man Rivalität, usw. Anscheinend ist das bei uns dann ausgeprägter. Es gibt so ein Spruch “ der deutsche lebt um zu arbeiten, der Italiener arbeitet um zu leben“ o.ä. Es fehlt echt die Lockerheit, Lebensfreude , Gelassenheit.

  • > Rivalität: Ich muss dich abwerten, um meine Ziele zu erreichen.
    > Bewunderung: Ich inszeniere mich und strebe nach Besonderheit und Aufmerksamkeit.

    Woher kommen diese Definitionen? Sie beinhalten ja schon die Egozentriertheit.

    Ich sehe zumindest im Fernsehen heutzutage im dort übertragenen Spitzensport ganz oft Rivalität, die aber mit Ende des Wettkampfes ebenfalls endet. Häufig gratulieren sich die Sportler oder umarmen sich sogar in Anerkennung der Leistung des Anderen. Finde ich gut. Obwohl ich auch nicht abstreite, dass die früher oft bitter ausgetragenen Feden auch einen gewissen Unterhaltungswert haben, als Zuschauer zumindest. Wenn man mitten drin steckt im Ego-Kampf, ist es natürlich der Horror.

    Und Bewunderung …. ja wer bewundert werden will, ok, ist jetzt kein Riesendrama. Ich sehe Bewunderung auch eher nach außen gerichtet: Bewundern, was Andere im Stande sind zu leisten und das auch können wollen, ohne es dem Anderen zu missgönnen und auch ohne selbst dafür bewundert werden zu wollen, einfach um der Schönheit der Sache willen.

    • Hi Stephan,
      der Fragebogen basiert ja auf dem Narcissistic Admiration and Rivalry Questionnaire (NARQ) und es ist im Grunde eine Skala, die der Einordnung dient. Kein Ja vs. Nein. Im Fragebogen selbst gibt es daher Abstufungen und offenbar haben Deutsche einen hohen Score erreicht.
      Zur Rivalität im Sport vs. Rivalität beim Narzissmus sollte man anmerken: Ein Lance Armstrong ist angetreten, um die Tour zu gewinnen. Nicht, um dem Zweiten zu schaden. Ein hoher Score bei Rivalität würde also implizieren, dass andere feinselig behandelt, abgewertet oder sonst wie benachteiligt werden, um den eigenen Vorteil zu erreichen. Ich war selbst Sportler und ich habe ehrlicherweise nie wirklich daran gedacht, anderen zu schaden, damit ich mehr Erfolg habe.
      Bewunderung ist in Maßen ja auch ganz normal – auch hier gilt, dass ein Score berechnet wurde, der (deutlich) über dem Mittel liegt.

      LG

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