Aktuell ist Kristian Blummenfelt in den Schlagzeilen.
In den sozialen Medien laufen die Videos rauf und runter, in denen er beim Lauf-Split eines Ironman 70.3 auf 21 km eine 3:06er-Zeit abreißt.
Pro Kilometer, wohlgemerkt. Das macht mit einer Zeit von 1:05:12 den schnellsten Halbmarathon einer Mitteldistanz – jemals!
Oberschenkel im Rückspiegel
Ich persönlich bin nicht mehr so nah dran am Triathlon. Da ich mich in meiner späteren Sportkarriere aber sehr intensiv damit befasst und viel trainiert habe, fällt mir eine Besonderheit direkt auf.
Die Oberschenkel.
Im Vergleich zu seinen durchschnittlichen Profi-Kollegen wirkt Blummenfelt relativ bulky. Kräftige Oberschenkel, ungewöhnlich geformter Brustkorb. Untypisch für die sonst eher grazilen Langdistanzathleten.
Aus meinem früheren Blickwinkel – bei 185 cm ca. 75 kg damals – hätte Blummenfelt ziemlich massig gewirkt. Ich gehe davon aus, dass die anderen Athleten dort in Kona, Nizza usw. das auch so empfinden.
Denn: der gute Herr läuft seine Bestzeiten mit bis zu 79 kg auf 174. Was ist daran interessant, nein, außergewöhnlich, oder noch genauer: überirdisch?
Der außerirdische VO2max
Der läuft – gesetzt den Fall, die Messung war korrekt – mit einem VO2max von 101,1 ml/kg/min durch die Gegend. Ich weiß nicht, ob überhaupt jemals ein so hoher Wert gemessen wurde.
100 gilt als absolute Schallmauer.
Langjährige Leser wissen, dass mich VO2max seit jeher fasziniert (hier, hier, hier). Er gibt im Kern an, wie viel Sauerstoff der Körper verwerten kann.
Dazu zählen Aufnahme, Weiterleitung und Verarbeitung. Also im Kern übersetzt: Lunge, Herz, Blut und Muskel, genau genommen Mitochondrien.
Und mit über 100 ml/kg/min ist der Typ ein Alien.
Zwei Besonderheiten:
- Blummenfelt postete ein Foto von der Auswertung – auf dem Bildschirm sind weitere Werte zu erkennen, die nahelegen, dass er mit 101 ml/kg/min vielleicht noch gar nicht das Maximum ausgeschöpft hat.
- Der Wert bezieht sich auf das Körpergewicht – mit den 7.797 ml/min (absolut) hätte er bei 70 kg Körpergewicht sogar einen VO2max von über 110 ml/kg/min.
Zum Vergleich: Der von mir damals vergötterte Lance Armstrong erreichte in seiner Peak Werte um 80-85 ml/kg/min. Legendär ein Youtube-Kommentar damals: „He padeled like a jackrabbit and won the Tour“.
Die Genetik setzt die Grenzen
Zurück zur bulligen Figur von Blummenfelt.
Eigentlich laufen Körpermasse, vor allem Magermasse, invers zum VO2max. Vor allem auch, weil es für den Körper schwierig ist, große Muskeln mit viel Sauerstoff zu versorgen.
Beispiel: Die Diffusionsdistanz von Kapillaren zu den Mitochondrien im Muskel wird einfach zu lang.
Die kräftigen Blummenfelt-Oberschenkel passen nicht so recht ins Bild. Fasziniert mich.
Hier kommt der Punkt: Der wichtigste limitierende Faktor für einen hohen VO2max ist das Herz, genau genommen das Herzzeitvolumen, also Schlagvolumen pro Zeit.
Erinnert mich an Jürgen Zäck damals. Der mit dem großen Herz als genetisches Geschenk.
Wenn man sich den außergewöhnlich geformten Brustkorb von Blummenfelt einmal anschaut, kann man zum Schluss kommen: Da passt ein großes Herz und eine große Lunge rein.

Vielleicht ein anatomischer Jackpot für die Ausdauerleistung.
Worin du gut bist
Für uns Normalos bleibt zu konstatieren: Zurücklehnen und staunen. Der VO2max ist maßgeblich genetisch determiniert.
Diese Sportler können untrainiert höhere VO2max-Werte haben als genetisch limitierte Menschen, die hoch trainiert sind. Ich kann daher immer nur wieder betonen:
Wenn du richtig gut im Sport werden willst, mach das, wofür du gemacht bist.
;-)
4 comments On Wunderwelt Blummenfelt
Was machen die Norweger da oben eigentlich so…ich hab auch erst ein Interview mit Klaebo gesehen. Er hat ja auch so ein irres Video produziert bei den letzten Spielen in dem er in irrer Geschwindigkeit den Berg hoch läuft. Er lag beim letzten Test vor mehreren Jahren wohl bei 85 und denkt auch dass er mit spezifischem Training darauf hin noch höher kommt, möchte aber natürlich in erster Linie lieber weiterhin sämtliche Goldmedaillen gewinnen. Scheint auch schon einige Langläufer dort mit über 90 gegeben zu haben. Und es ist ja auch sehr auffällig dass er nicht der einzige Norweger ist der da immer oben steht. Obwohl auch andere skandinavische Länder gerne Langlaufen stehen oft genug drei Norweger ganz oben. Einfach eine irre Nation
Ja, das ist ganz spannend. Dafür kann es viele Erklärungen geben. Vermutlich ist es auch viel Selection Bias. Also, dass der absolute Anteil an Norwegern mit hohem VO2max gar nicht höher ist als bei uns, aber Norweger vielleicht kulturell bedingt eher dazu tendieren, sich in Ausdauersportarten auszutoben. Das wäre eine gute Frage für die KI :-)
…. erinnert etwas an die ähnliche Fragestellung warum ein Magnus Midtbo aus dem Stand heraus in der Lage ist in vielen Bewerben relativ überdurchschnittliche Leistungen abliefern kann. Bei einer routine Gesundheitsuntersuchung seines Gefäßsystems kam heruas, dass er ein ungewöhnlich gutes Blutgefäßsystem hat – großer Gefäßdurchschnitt – was erlaubt, dass das Laktat überdurchschnittlich gut abgebaut wird bzw sich dadurch kaum Leistungseinbußen ergeben, obwohl er zwischen seinen „Abenteuern“ jetzt kein Dauertraining absolviert, das zu einer spezialisierten Anpassung führt.
Interessant jedenfalls, dass man von der rein äußerlichen Physiologie / Phänotyp oftmals gar nicht die richtigen Schlüsse ziehen kann in Richtung Eignung oder Leistungsfähigkeit.
Aus der Perspektive von Stammesmitgliedern und naturnahen lebenden Völkern – eine komplett irrelevante, bzw absurde Fragestellung als auch Aktivität. Kein Tier in de Natur würde auf die Idee kommen, „sinnlos“ irgendwelche Strecken abzulaufen etc…
Diesen Kontext des Wettbewerbs stellen wir mit unserer „Leistungs-kultur“ ins Bild. Aus der perspektive der Natur – völlig bedeutungslos (Medaillien, „Gewinner“, „Sieger“, usw..)
Ja das hat inzwischen völlig perverse Züge angenommen. Jeder will heute zum Frühstück 20 km laufen und ein Ironman ist nur noch Vorstufe zum 30 Tage, 30 Ironman.