Vor wenigen Jahren war Instagram wirklich noch angenehm.
Damals hatten die meisten absolut gar keine Skills für Onlinepräsentationen von Inhalten. Reels gab es in der Form nicht, also musste man Wissen über Posts vermitteln.
Zu der Zeit habe ich persönlich noch unseren Instagramkanal betreut und mehrmals wöchentlich Posts erstellt und hochgeladen. 2022 und 2023 waren hier für uns herausragende Jahre, die uns Zehntausende Follower beschert haben.
Instagram heute ist toxisch
Heute ist das ein bisschen anders.
Das, was früher eher spezielles Nischenwissen war, ist mainstreamiger geworden. Vor fünf Jahren kannte niemand einen VO2max. Heute gibt es unzählige Beiträge dazu – vor allem als Reel. Alles ist hochglanzoptimiert, überzeichnet und hat mit der Realität fast nichts mehr zu tun.
Jeder Bereich wird von einem Experten besetzt. Und Personen, die besser bei ihrer Profession geblieben wären, sind heute Social-Media-Stars. Menschen mit hoher natürlicherer Autorität, etwa Ärzte – Medfluencer –, sind große Anlaufstellen geworden.
Aber tun sich dort eigentlich keinen Gefallen.
Ein Beispiel dafür ist Dr. med. Dr. rer. pol. Tobias Weigl, auch bekannt als doktorweigl. Laut eigener Angabe unter anderem Ernährungsmediziner. Der muss es ja wissen, denkt man sich.
Fehlinformationen zu Produkten
Ich bin auf ihn aufmerksam geworden, weil er vor wenigen Wochen einen Post mit dem Titel Wirfst Du Dein Geld für wertlose Fitnessprodukte aus dem Fenster? Die überraschende Wahrheit veröffentlicht hat, in dem auch ein edubily-Produkt abgebildet wird:

Dort vergleicht er Kollagenpeptide, die „oft minderwertig“ seien – Beleg? – mit Quark. Spricht bei letzterem von „natürlichen Aminosäuren“, obwohl Kollagenpeptide genauso natürlich Aminosäuren liefern. Vitamin C soll die Bioverfügbarkeit erhöhen – von was eigentlich?
Sinngemäß: Alles rausgeschmissenes Geld. Dabei haben Kollagenpeptide ja wirklich eine „Direktleitung“ zur Haut, denn sie stimulieren direkt die Aktivität von kollagenbildenden Fibroblasten in der Haut (Q). Gerade wieder von höchster Evidenzstufe (Umbrella-Review) bestätigt (Q).
Niemand, wirklich niemand, der belesen ist, würde Quark (viel essentielle Aminosäuren) mit Kollagen (wenig essentielle Aminosäuren, dafür viel Glycin und Prolin) gleichsetzen. Er tut es.
Eine öffentliche Replik von uns gab es hierfür unter seinen Kommentaren und auf Linkedin.
Ein weiterer Beitrag: noch schlimmer
Da der Algorithmus einen schnell mag, bin ich kürzlich über einen weiteren Beitrag von ihm gestolpert, mit ihm im Arztkittel im Hintergrund. Man liest:
„Das gefährlichste Kohlenhydrat ist gar nicht der Zucker … sondern etwas ganz anderes. Und ich wette, viele werden darüber erschrocken sein. Als Ernährungsmediziner und Arzt auf der Intensivsation sehe ich die Folgen täglich. (…)“
Bitte Wording beachten. Gibt es eine höhere Stufe beim Fearmongering? Intensivstation ist ja Vorhof zur Hölle, mit einem Bein im Grab. Schlimmer geht nicht.
Dann legt er los: Der Stoff tarne sich. Die „Industrie“ nutze einen Brandbeschleuniger für Entzündungen: Modifizierte und industrielle Stärke. Der „Feind“ trage viele Namen: Modifizierte Stärke. Maltodextrin und irgendeine E-Nummer.
Ich habe absolut keine Ahnung, was er meint.
- Welche Lebensmittel sind betroffen?
- In welcher Dosis sind sie schädlich?
- Wo zur Hölle ist die Datenlage, die seine Aussagen stützt?
- Zufällig vergessen?
In diese für mich wirre Storyline wirft er noch das TOFI-Phänomen ein. Also die Tatsache, dass man schlank aussehen und innerlich dick sein kann (so verunsichert er sogar die schlanke Susanne). Wo ist die fachliche Verbindung zwischen den vielen Themen?

Untermalt wird das mit einem KI-Bild von ihm, das aber gar keinen TOFI zeigt – es zeigt ihn, mit etwas mehr Subkutanfett am Bauch. Genau das Körperfett, von dem hier gerade nicht die Rede ist. Denn das steckt ja gerade im Bauch.
Verstanden? Aus einem sehr spezifischen Thema, macht er ein Thema, das jeden betreffen könnte.
Menschen, die hier besonders sensibel sind, stehen vorm Spiegel, gucken auf auf ihren kleinen Bauch und sehen sich schon auf der Intensivstation. Ohne, dass sie „den Feind“, von dem Dr. Weigl evidenzlos spricht, überhaupt verstehen. Worst case.
Es kann so nicht weitergehen
Das Problem ist, dass Instagram und Social Media einen in gewisser Weise zu einer H… ähm, nein, zu einem Menschen machen, der den Algorithmus stimulieren will. Menschen sollen klicken.
Daher wird auch der ehrlichste Mensch mit der Zeit ein bisschen krumm. Für Reichweite und Likes. Eine gefährliche Gratwanderung als Influencer, die in meiner Wirklichkeit in wirklich gar keiner Relation zur Profession eines Arztes passen.
Dr. Weigl hat offenbar nicht nur von mir Kritik abbekommen, sondern vielen anderen Personen. Daher hat er sich gerade öffentlich entschuldigt. Mein guess: Es wird genauso weitergehen wie bisher, weil er es fachlich nicht besser kann.
Die Aufmerksamkeit will man behalten. Ein bisschen wie in der Politik: Man verfehlt das Ziel um Längen, entschuldigt sich nebenbei, übernimmt aber keine Verantwortung. Verantwortung übernehmen hieße: Ich bin mal weg.
Banaler: Ich lösche die schlechten Beiträge, weil sie Fehlinformationen an Tausende von Menschen transportieren.
Wird nicht geschehen. Und Zehntausende werden wieder klicken. Man merkt vielleicht ein bisschen: ich bin angepisst, da mich dieses Ausnutzen der eigenen Autorität, um wirklich maximal unwissenden Bullshit selbstherrlich zu verbreiten, zunehmend anwidert.
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PS: Warum machen Mediziner sowas so oft? Das, was er macht, ist eine Art von negativer Krisenkommunikation. Er triggert völlig belang- und evidenzlos Ängste. Er vermischt wahllos verschiedene Themen, um irgendeine Story zu konstruieren. Das ist das, was ich von einem guten Arzt genau nicht erwarten würde. Weder im Sprechzimmer noch im Internet.
PS2: Dazu passend: Der Youtuber Marvin Wildhage wollte kürzlich wissen, wie manipulierbar Medfluencer sind und hat dafür eine „Pharmafirma“ gegründet, einen Experten und eine Krankheit erfunden. Unter anderem die Medfluencerin Alina Walbrun ging dem auf den Lein und stellte die erfundene Pinocchio-Krankheit ihren 300.000 Followern vor.
1 comments On Medfluencer liegt schon wieder daneben
Starker Beitrag. Im Rausch der Aufmerksamkeit und schnell generierter Einnahmen gefangen :-/
Eure Aufklärungsarbeit hilft auf jeden Fall dabei, den Durchblick zu bewahren.